Ein thesaurierender und ein ausschüttender ETF auf denselben Index halten dieselben Aktien und bekommen dieselben Dividenden. Der eine zahlt sie aus, der andere legt sie im Fonds wieder an. Vor Steuern ist das Ergebnis gleich. Der oft genannte Steuervorteil des Thesaurierers ist seit 2023 praktisch verschwunden: Beim Basiszins von 3,20 % versteuerst du 2026 auch ohne Auszahlung bis zu 2,24 % des Fondswerts als Vorabpauschale, mehr als ein weltweiter Aktien-ETF an Dividenden einnimmt. Was bleibt, sind zwei Fragen: Welcher der beiden Fonds kostet weniger, und willst du die Dividenden auf dem Konto sehen?
Die Frage steht am Anfang fast jedes ETF-Sparplans, und sie wird meist mit einem Satz beantwortet: Thesaurierer seien wegen des Zinseszinses und der Steuer überlegen. Der erste Teil stimmt nur, wenn du Ausschüttungen ausgibst statt sie wieder anzulegen. Der zweite Teil stammt aus den Jahren mit Nullzins und gilt heute nicht mehr. Für Anleger, denen es um laufende Erträge geht, lohnt deshalb ein genauer Blick.
Beide Fonds bekommen dasselbe Geld von denselben Unternehmen
So viel vom Fondswert gilt 2026 höchstens als Ertrag, auch ohne Auszahlung
Der Abstand bei den Fondskosten wiegt oft schwerer als die Steuer
Der Unterschied in einem Bild
Beide Fondsarten nehmen dieselben Dividenden ein. Sie unterscheiden sich erst in dem, was danach mit dem Geld passiert, und in dem Zeitpunkt, zu dem das Finanzamt zugreift.
- 1Der Fonds sammeltDie Dividenden bleiben einige Wochen als Guthaben im Fonds.
- 2Auszahlung an dichMeist viermal im Jahr landet das Geld auf deinem Verrechnungskonto.
- 3Steuer sofortDie Bank zieht die Steuer bei der Auszahlung ab, soweit dein Pauschbetrag verbraucht ist.
- 4Du entscheidestAusgeben, liegen lassen oder selbst wieder anlegen, in diesen Fonds oder etwas anderes.
- 1Der Fonds kauft nachVon den Dividenden kauft der Fonds neue Aktien, ohne Ordergebühr für dich.
- 2Dein Anteil wird wertvollerDu bekommst kein Geld und keine neuen Anteile. Der Ertrag steckt im Kurs.
- 3Steuer im JanuarDie Bank setzt die Vorabpauschale an und bucht die Steuer vom Verrechnungskonto ab.
- 4Der Rest beim VerkaufErst wenn du verkaufst, wird der übrige Gewinn versteuert. Schon versteuerte Vorabpauschalen zählen dann mit.
Ein häufiges Missverständnis: Beim Thesaurierer bekommst du keine zusätzlichen Anteile. Deine Stückzahl bleibt gleich, jeder Anteil wird wertvoller. Beim Ausschütter fällt der Anteilspreis am Tag der Auszahlung um den ausgeschütteten Betrag, so wie eine Aktie am Ex-Tag.
Derselbe Index, dieselben Dividenden
Wie viel Dividende ein Thesaurierer wieder anlegt, steht auf keiner Abrechnung. Sie lässt sich aber ableiten: aus dem ausschüttenden Fonds auf denselben Index. Wir rechnen dessen Kosten wieder hinzu und ziehen die Kosten des Thesaurierers ab. So sehen die Paare aus, die wir führen, mit dem Stand der letzten zwölf Monate:
Zwei Dinge fallen auf. Erstens sind es bei weltweiten Indizes gut ein Prozent des Fondswerts im Jahr, in den USA weniger. Wer von einem solchen Fonds leben will, braucht also ein großes Depot oder einen Fonds, dessen Index gezielt nach Dividende auswählt. Solche Dividenden-ETFs gibt es fast nur ausschüttend.
Zweitens sind die beiden Fonds eines Paares nicht immer gleich teuer. Der iShares MSCI World kostet 0,50 % im Jahr, der iShares Core MSCI World 0,20 %. Diese 0,30 % Abstand gehen jedes Jahr vom Ertrag ab. Im Beispiel weiter unten (10.000 € plus 200 € im Monat über 20 Jahre) sind das am Ende rund 4.405 €. Zum Vergleich: Der Steuervorteil des Thesaurierers kommt im selben Beispiel selbst bei Nullzins nur auf 1.357 €. Vergleiche deshalb zuerst die Kosten, und zwar die der konkreten Fonds.
Die Steuer: Vorabpauschale gegen Ausschüttung
Seit 2018 besteuert Deutschland auch Fonds, die nichts auszahlen. Die Bank setzt jedes Jahr einen fiktiven Mindestertrag an, den Basisertrag: 70 % des Basiszinses, den das Finanzministerium jeden Januar festlegt, gerechnet auf den Fondswert zu Jahresbeginn. Für 2026 liegt der Basiszins bei 3,20 %, der Basisertrag also bei 2,24 %. Je 10.000 € sind das 224,00 € Ertrag und nach 30 % Teilfreistellung höchstens 41,36 € Steuer.
Drei Regeln machen daraus die Vorabpauschale:
- Deckel: Der Basisertrag ist auf den Wertzuwachs des Jahres begrenzt. In einem Verlustjahr fällt nichts an.
- Ausschüttungen zählen mit: Was der Fonds ausgezahlt hat, wird vom Basisertrag abgezogen. Nur der Rest ist Vorabpauschale.
- Keine doppelte Steuer: Beim Verkauf mindern alle schon versteuerten Vorabpauschalen den Gewinn.
Die zweite Regel wird oft übersehen. Sie bedeutet: Auch ein Ausschütter zahlt Vorabpauschale, wenn er weniger ausschüttet als den Basisertrag. Bei einem weltweiten Aktien-ETF ist das 2026 der Fall. Beide Fondsarten versteuern dann in einem guten Börsenjahr denselben Betrag, der eine als Ausschüttung plus kleine Vorabpauschale, der andere als reine Vorabpauschale.
Das Bild erklärt, woher der Ruf des Thesaurierers kommt. Von 2018 bis 2022 lag der Basisertrag nahe null oder war ganz ausgesetzt. Der Thesaurierer zahlte in diesen Jahren kaum laufende Steuer, der Ausschütter auf jede Auszahlung. Seit 2023 hat sich das gedreht. Der Steueraufschub, mit dem viele Vergleiche noch rechnen, existiert bei diesem Zinsniveau nicht.
Was das für deinen Sparer-Pauschbetrag heißt
Der Sparer-Pauschbetrag von 1.000 € (Paare 2.000 €) verfällt, wenn du ihn in einem Jahr nicht nutzt. In den Nullzinsjahren war das das stärkste Argument für den Ausschütter: Er füllte den Pauschbetrag jedes Jahr mit steuerfreien Erträgen, der Thesaurierer ließ ihn liegen und versteuerte alles später beim Verkauf.
Heute nutzt auch der Thesaurierer den Pauschbetrag, weil die Vorabpauschale ihn verbraucht. Die Frage ist eher, ab welchem Depotwert er aufgebraucht ist:
- Thesaurierer und Ausschütter, gutes Börsenjahr2,24 % Basisertrag, bei beiden gleich63.776 €
- Ausschütter, Jahr ohne Kursgewinnnur die Ausschüttung von 1,27 % zählt112.247 €
Liegt dein Depot darunter und hast du keine weiteren Zinsen oder Dividenden, zahlst du mit beiden Fondsarten keine laufende Steuer. Dann zählt der Pauschbetrag sogar für den Thesaurierer: Jede steuerfrei gestellte Vorabpauschale senkt den Gewinn, den du beim Verkauf versteuerst. Hast du mehrere Banken, gehört ein Teil des Freistellungsauftrags dorthin, wo der ETF liegt. Wie du ihn aufteilst, steht im Artikel Sparer-Pauschbetrag verteilen.
Rechne es für dich durch
Der Rechner lässt beide Fondsarten mit denselben Einzahlungen laufen. Beim Ausschütter legt er jede Auszahlung nach Steuer sofort wieder an, sonst wäre der Vergleich unfair. Am Ende wird verkauft und abgerechnet. Die Startwerte: 10.000 € Einmalanlage, 200 € im Monat, 20 Jahre, 7 % Rendite im Jahr.
- Steuer im ersten Jahr
- 51 €
- Steuern während der Laufzeit
- 4.843 €
- Steuer beim Verkauf
- 9.990 €
- Steuer im ersten Jahr
- 51 €
- Steuern während der Laufzeit
- 4.843 €
- Steuer beim Verkauf
- 9.990 €
Kein Unterschied. Bei diesem Basiszins und gleichen Kosten versteuern beide Fonds jedes Jahr denselben Betrag. Die Entscheidung fällt dann nicht an der Steuer.
Vereinfachtes Modell mit gleichbleibender Rendite und gleichbleibendem Basiszins, Aktienfonds mit 30 % Teilfreistellung, 26,375 % Abgeltungsteuer inklusive Soli, ohne Kirchensteuer. Sparraten zählen zu Jahresbeginn, Steuern gehen in beiden Fällen zulasten des Fondsvermögens, am Ende wird alles verkauft. Keine Prognose und keine Steuerberatung.
Drei Einstellungen lohnen sich besonders:
Basiszins wie heute: kein Unterschied
Basiszins 0 %: Thesaurierer 1.357 € vorn
Dazu 1.000 € freier Pauschbetrag: Ausschütter 2.782 € vorn
Die Beträge sind klein gegen das, was Kosten, Sparrate und Durchhalten ausmachen. Wähle im Rechner ein Paar mit unterschiedlichen Kosten, und der Kostenanteil am Abstand steht direkt daneben.
Wenn du von den Erträgen leben willst
Für den Vermögensaufbau sind beide Fondsarten gleichwertig. Der Unterschied zeigt sich, sobald du Geld entnimmst. Der Ausschütter überweist von selbst. Beim Thesaurierer verkaufst du Anteile, von Hand oder über einen Auszahlplan der Bank.
Anteile verkaufen (Thesaurierer)
- Du bestimmst Höhe und Zeitpunkt der Entnahme selbst.
- Versteuert wird nur der Gewinnanteil der verkauften Anteile, nicht der ganze Betrag.
- Die Entnahme hängt nicht davon ab, wie viel der Index gerade ausschüttet.
Was dagegen spricht
- Deine Stückzahl sinkt mit jeder Entnahme.
- In schwachen Börsenphasen verkaufst du zu niedrigen Kursen.
- Du musst jedes Mal handeln oder einen Auszahlplan einrichten und pflegen.
Die Ausschüttung eines Indexfonds ist allerdings kein festes Gehalt. Sie folgt den Dividenden der Unternehmen im Index, und die sinken in Krisen. Wie stark, zeigt unsere Auswertung im Artikel Klumpenrisiko im Dividendendepot. Wer einen festen Monatsbetrag braucht, plant mit einem Puffer auf dem Tagesgeldkonto, gleich mit welcher Fondsart. Wie groß ein Depot für ein bestimmtes Einkommen sein muss, rechnet der Artikel 1.000 € Dividende im Monat vor. Wann welche Ausschüttung kommt, zeigt dir der Dividendenkalender in deinem Depot, Monat für Monat mit Betrag.
Welcher Fonds passt zu dir?
Wenn die Steuer als Argument ausfällt, bleibt eine Frage des Verhaltens. Manche Anleger bleiben eher dabei, wenn regelmäßig Geld auf dem Konto ankommt. Andere geben aus, was dort landet, und fahren besser, wenn sie die Erträge gar nicht erst sehen. Beides ist ein guter Grund für die eine oder die andere Fondsart.
Der Ausschütter passt, wenn du …
- Erträge sehen willst und dich Zahlungen zum Dranbleiben motivieren.
- die Ausschüttung ausgeben oder gezielt in andere Titel lenken willst.
- einen Dividenden-ETF suchst. Die gibt es fast nur ausschüttend.
- dein Depot über Ausschüttungen ins Gleichgewicht bringst, statt zu verkaufen.
Der Thesaurierer passt, wenn du …
- das Geld ohnehin wieder anlegst und dich um nichts kümmern willst.
- bei Auszahlungen in Versuchung kämst, sie auszugeben.
- bei deiner Bank für jede Wiederanlage eine Ordergebühr zahlen müsstest.
- den günstigeren der beiden Fonds bekommst. Das ist oft der Thesaurierer.
Lohnt sich ein Wechsel?
Selten. Wer einen Thesaurierer verkauft, um den Ausschütter zu kaufen, versteuert in diesem Moment den ganzen aufgelaufenen Gewinn. Dieses Geld fehlt danach im Depot und bringt keine Erträge mehr. Der Tausch rechnet sich nur, wenn der Gewinn klein ist oder noch in den Pauschbetrag passt.
Der bessere Weg: Den alten Fonds liegen lassen und neue Sparraten in den anderen lenken. Beide laufen dann nebeneinander, und beim späteren Verkauf wählst du, welchen du zuerst anrührst. Innerhalb eines Fonds verkauft die Bank immer die ältesten Anteile zuerst. Zwei getrennte Fonds geben dir deshalb mehr Spielraum als ein einziger.
Häufige Fragen zu thesaurierenden und ausschüttenden ETFs
Was ist besser, thesaurierend oder ausschüttend?
Muss ich bei einem thesaurierenden ETF Steuern zahlen, obwohl nichts ausgezahlt wird?
Fällt die Vorabpauschale auch bei ausschüttenden ETFs an?
Wann wird die Vorabpauschale abgebucht?
Wie viel Dividende steckt in einem thesaurierenden ETF?

Ringo Dühmke investiert seit 2001 an der Börse und konzentriert sich seit 2014 auf Dividendenaktien. Im Mittelpunkt seiner Strategie stehen solide Geschäftsmodelle, attraktive Bewertungen und verlässliche Ausschüttungen. Mit seiner Erfahrung aus über 25 Jahren Unternehmertum hat er mit Dividenden.com die Plattform entwickelt, die er sich als Anleger selbst gewünscht hat: Daten, Analysen und Werkzeuge für den langfristigen Aufbau eines Dividendendepots.
So rechnet Dividenden.com